Aline Langenegger

Geschichten, die das Leben schreiben

An alle Smartphone Junkies (also an die Mehrheit dieses Landes)

Hiiiilfeeee, ich fühle mich als würde ich nackt auf der Strasse stehen. Mein Smartphone ist kaputt und es ist noch nicht mal 12 Stunden her, seit es seinen Geist aufgegeben hat. Aber die letzten 12 Stunden ohne meinen „ständigen Begleiter“ haben mein Leben extrem erschwert.


Ich muss mich quasi in der Welt neu zurechtfinden. Der grösste Stress für mich ist, dass ich nun für niemanden mehr erreichbar bin. Und das ist angesichts meiner hunderten von Gruppenchats, in welchen ich tagtäglich meinen Senf dazu gebe, eine schreckliche Vorstellung. Werde ich nun aus der Welt ausgeschlossen? Ich wollte mich doch in einem dieser vielen Chats gerade noch erkundigen, wie meine Kolleginnen die neue Liebe einer anderen Kollegin beurteilen. Dann ist es passiert: Mein Smartphone gleitet mir aus den Händen, prallt auf den Boden, ist kaputt.

Nun bin ich abgeschnitten von der Zivilisation. Im Falle eines medizinischen Notfalls kann ich nicht einmal mehr den City Notfall oder meine Mutter anrufen.
Dies also ein etwas längerfristiges Problem, doch bald kommt der akute Schreck: Wer weckt mich am nächsten Morgen? Normalerweise ist es immer mein Smartphone. Mein Smartphone ist sowieso mein bester Freund geworden in den letzten Jahren. Ich widme wohl niemand anderem so viel Zeit wie diesem kleinen, dünnen Ding. Ich telefoniere pro Tag im Durchschnitt eine halbe Stunde. Ich surfe pro Tag rund zwei bis drei Stunden im Internet mit diesem Ding. Ich schreibe in jeder freien Minute im Chat meinen Freunden zurück, beantworte Mails, und verbringe den Rest meiner Freizeit auf Facebook und checke die aktuellen Statusmeldungen meiner restlichen Freunde ab, um auch da auf dem Laufenden zu bleiben. Ebenfalls alles mit Hilfe dieses Dings. Und nun ist es weg! Also es ist zwar physisch noch da, aber es reagiert nicht mehr auf meine Befehle.

Gott sei Dank wohnt eine gute Freundin von mir gleich eine Strasse weiter oben. Ich entscheide mich als erstes ihr mein Leid zu klagen. Gleichzeitig bin ich in der Hoffnung, dass sie mir ein Reserven-smartphone ausleiht, damit ich noch am selben Abend wieder meine gewohnten Abendrituale vornehmen kann: allen Menschen zurück zu schreiben, welchen ich noch eine Antwort schulde, weil ich während des Tages nicht dazugekommen bin, mich auf alle SMS und Whats Up Nachrichten sofort zu melden. Und: bevor ich ganz das Licht lösche meinem Facebook Account gute Nacht zu sagen. Und wenn ich dann noch den Wecker gestellt habe, kann ich meinen besten Freund beruhigt zur Seite legen und einschlafen.

Meine Freundin hat leider kein Ersatz-smartphone für mich. Doch zum guten Glück kommt mir plötzlich in den Sinn, dass ich irgendwo in einer Schublade zu Hause vielleicht noch einen Wecker habe. Ich mache mich sofort auf den Heimweg und siehe da: ich habe tatsächlich noch einen richtigen Wecker. Habe ich total vergessen. Irgendwie habe ich mich aber gefreut ihm wieder einmal zu befehlen, wann er mich wecken muss.

Nun gut, ich kann endlich ins Bett, schlafe aber gar nicht ruhig, weil die Gedanken purzeln:
„Ich muss unbedingt zum Smartphone-doktor. Ab wann bin ich dann wohl wieder Smartphone-besitzerin? Ein verlängertes Wochenende steht vor der Tür, das heisst, die Geschäfter machen zu und können meinem Notfall vielleicht nicht mehr nachgehen. Oh Gott, eine schreckliche Vorstellung ist das, ein paar Tage ohne Smartphone durchzuhalten.“

Am nächsten Morgen weckt mich der Wecker. Ojeee, wie der aggressiv pippt. Aber immerhin erledigt er pünktlich seine Pflicht. Ich bin zufrieden.
Ich dusche ohne Radio im Hintergrund weil ich jeden Morgen über mein Smartphone Radio höre. Dann muss ich frühzeitig aus dem Haus, denn auch der Busfahrplan fehlt mir. Lustigerweise habe ich an diesem Morgen aber weniger Stress als sonst, weil ich einfach mal früh dran bin.
Im Bus bin ich gezwungen, mich mit meiner Aussenwelt zu befassen und die Gesichter um mich herum wahrzunehmen. Heute kann ich meine müden Augen mal nicht hinter dem Bildschirm meines kleinen Dings verstecken. Normalerweis glotze ich alle paar Sekunden auf mein Smartphone, um auszurechnen, ob ich mir in der Bäckerei noch ein Schoggibrötli holen kann oder ob es zeitlich nicht mehr reicht bevor der Zug fährt. Heute geht das nicht. Also schaue ich aus dem Fenster.
Und irgendwie gefällt es mir, draussen nach einer Uhr zu suchen. Es macht Spass, die Handgelenke meiner Mitmenschen im Bus abzuchecken, ob sie eine Armbanduhr tragen und ob ich es schaffe, einen Blick darauf zu erhaschen. Ich bin entspannter als sonst.

Und da kommt plötzlich die Wende dieser ganzen Geschichte. Ich gehe mit offenen Augen durch den Morgenverkehr. Ich fühle mich gut. Ich sehe die Sonne, wie sie Teile der Gebäude langsam hell erscheinen lässt. Dort wo die Sonne noch nicht durchblickt sind die Fassaden dunkler. Uhren entdecke ich überall: an Hauswänden, an Kirchtürmen, im Bus selber und in der Bäckerei.
Noch vor ein paar Stunden habe ich mich über den Tod meines Smartphones aufgeregt, nun schätze ich es, wieder einmal ganz ohne „ständigen Begleiter“ zu sein.
Wie spannend und schön die Welt ohne Smartphone doch ist.
Im Zug nehme ich einen Zeitungsfötzel und meinen kleinen Stift, der für Notfälle am Schlüsselanhänger hängt und dann schreibe ich diese Geschichte auf.

1 Kommentar

  1. Kathrin Langenegger

    Mai 22, 2014 at 12:57 pm

    Auch wenn ich kein Smartphone-Junkie bin….., ich habe den Artikel mit Interesse gelesen.
    Die Abhängigkeit zu so viel Technik tut mir fast leid.
    Ich kann mich aber nicht ganz aus der Sache stehlen—, wenn bei mir der Akku leer ist, stresst mich das auch mehr als früher.Es könnte ja sein, dass mich jemand erreichen möchte, oder dass mir jemand eine wichtige Mitteilung zu machen hat, und das verpasse ich ja dann.

    Aber ich bin ja immer noch über Telefon und Briefpost (wie zu Urzeiten) erreichbar!

    Dein Mami

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