Aline Langenegger

Geschichten, die das Leben schreiben

Ich, die Masseurin und die Liege

Es ist schon ein bisschen schräg, mich bis auf die Unterhose auszuziehen vor einer unbekannten Frau. Aber die Dame ist schliesslich Masseurin. Sie bittet mich auf die Liege: „Von hinten ran, das geht am besten für Sie“. Ok, ich krabble von hinten auf die Liege, und lasse mich auf das aufgeblasene Kissen fallen. Hmmmm, fantastisch, wie weich und sanft sich diese Liege anfühlt. Doch irgendwie macht sich immer noch ein unwohles Gefühl in mir breit.

Ich komme mir nackt und nur in Unterhosen bekleidet, meinen Kopf im Loch der Liege vergraben unbeholfen vor. Die Frau könnte nun mit einer Waffe auf mich losgehen, mich erstechen. Aber stattdessen deckt sie mich mit weichen Frottiertüchern zu und beginnt auch gleich mit der Massage. Sie streicht Öl an ihre Hände, reibt sie aneinander und drückt ihre warm gewordenen Finger nun auf meinen Rücken. Herrlich!

Ich schliesse die Augen. Die Frottiertücher auf der Liege duften wunderbar, so frisch nach Waschpulver. Diese Frische hätten meine Kleider und meine Badetüchli auch wiedermal verdient. Ich inhaliere den Duft ein, so anziehend ist er. Wie angenehm gute Gerüche doch sind! Mit der Liege habe ich mich auch schon angefreundet. Sie macht ihre Arbeit perfekt. Sie hält still und das erst noch mit weichen Polstern für mich. Dabei tut sie mir auch Leid. Die Arme muss mein ganzes Gewicht aushalten und dann auch noch den Druck auf meinem Rücken von der Masseurin. Aber ich denke an alle die Leute, welche schwerer sind als ich. Die hat die Liege ja auch überlebt. Also wird sie wegen mir nicht mehr leiden als sonst.

Zwischendurch öffne ich die Augen, dann wenn sich vor lauter Drücken und Klopfen auf meinem Rücken mein Gesicht in alle Richtungen verzieht. Ich beobachte mit verzerrten Schlitzaugen die Füsse der Masseurin. Sehr gepflegt sehen sie aus, obwohl sie keinen Nagellack trägt. Aber die Zehennägel sind schön geschnitten und die Füsse werden wohl jeden Tag einbalsamiert. Sie wirken frisch und vital. Meine Füsse sind zum Glück mit Frottiertücher eingedeckt, die würden nämlich nicht so schön aussehen.Und auch mein Gesicht sieht wohl im Moment nicht gerade zum Anbeissen aus, so verzerrt wie es sich anfühlt. Doch wenn stört das schon? Es sieht mich ja niemand, ausser die Füsse der Masseurin. Und die können zum Glück keine Fotos machen.

Komisch, wie still es in diesem Raum ist. Ich konzentriere mich auf die Geräusche um mich herum. Keine Musik, wie ich es mir von anderen Massageräumen gewohnt bin. Nur Stille. Oder nicht? Nein, ich höre ganz weit weg Autos, die vorbeifahren. Dann ein Magenknurren von ihr. Plötzlich höre ich eine WC Spülung. Das muss diese im Raum oberhalb von uns sein. Das Wasser läuft jetzt langsam ab, an unseren Wänden vorbei. Magenknurren von mir. Ihr Magen und mein Magen scheinen sich gut zu verstehen. Zusammen unterhalten sie uns in Form eines nicht ganz alltäglichen Konzerts.

Jedes mal, wenn die Masseurin fest auf meinen Rücken drückt, knarrt auch der Boden. Kein Wunder, der ist auch noch aus dem letzten Jahrhundert. Ein wunderschöner Parkett, passt sehr gut in die Altbauwohnung, in welcher ich gerade massiert werde.

Wie lange ist es wohl her, dass ich mich eine Dreiviertelstunde lang nur auf kleine Geräusche geachtet habe? Eine Ewigkeit. Aber es macht Spass und ist vor allem extrem erholsam. Müsst ihr unbedingt auch wieder einmal machen.

2 Kommentare

  1. Cool…früsch…sensibel…gratuliere…

  2. Schöne Blog, Aline.
    Dr erst, woni wirde verfouge 🙂

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