Schon als ich die Haustür hinter mir zumache spüre ich die Kälte, die mir entgegenströmt.
„Ach Herrje, meine Heizkosten“, schiesst es mir durch den Kopf. „Habe ich tatsächlich das Fenster nicht zugemacht heute Morgen? Na das gibt ja eine teure Rechnung.“ Ich ziehe meine Schuhe aus, hänge die Jacke an die Garderobe und schaue mich ein wenig ängstlich im Eingangsbereich um. „Oder wurde etwa eingebrochen?“ Diesen unangenehmen Gedanken verdränge ich sogleich wieder.

Vorsichtig öffne ich die Küchentür einen Spalt breit. Nichts! Nur der Risottogeruch kommt mir entgegen, der noch hängengeblieben ist vom Vorabend. Ein kurzer Blick ins Wohnzimmer klärt auf: Auch dort ist niemand. Nein, die Kälte kommt von der anderen Richtung.
Es riecht komisch in meiner Wohnung. Fremd. Ungewöhnlich. Auf dem Weg ins Badezimmer erhasche ich einen kurzen Blick auf mein Bett. Auf mein Riesenbett, welches locker für drei schmale Personen Platz bietet. Das Duvet liegt aufgewühlt nur noch halb auf der Matratze, die andere Hälfte lappt über den Bettrand hinaus auf den Boden. In der Mitte der Matratze ein riesiger Abdruck. Beim genauen Betrachten stelle ich Saberrückstände fest auf der Matratze. „Wie ärgerlich, jetzt muss isch schon wieder Wäsche waschen!“
Ich stecke meine Hände in die Hosentasche weil es so frostig ist in der Wohnung. Die Badezimmertür ist zu, obwohl ich sie gewöhnlich offen lasse. Nun rast mein Herz. Ich schleiche mich an die Tür ran und horche zuerst, den Atem angehalten. Irgendwas schabt am Boden. Ein Keuchen.
Nach ein paar Sekunden bemerke ich, dass ich immer noch nicht atme. Ganz leise versuche ich nach Luft zu schnappen, bevor ich einen Blick durch das Schlüsselloch wage. Und da trifft mich der Schlag: Ich sehe die Duschstange heruntergerissen am Boden liegen, der Duschvorhang verlöchert. Das Fenster weit offen, in der Badewanne darunter steht eine Giraffe auf allen vieren, breitbeinig. Den Po in meine Richtung gestreckt, der Hals und somit auch ihr Kopf schauen aus dem Fenster.
„Ich glaub, ich spinne“, raunt es mir durch den Kopf. „Das gibt’s doch gar nicht. Gerade heute Morgen habe ich im Radio über Giraffen gesprochen. Das arme Tier. Kann sich ja kaum bewegen, sie steckt fest in meiner Badewanne. Und dabei jammert die Giraffe nicht mal. Kein einziger Schmerzenston habe ich bisher von ihr wahrgenommen.“
Da kommt mir in den Sinn, dass ich in der Radiosendung über Giraffen und ihre Stummheit gesprochen habe. Respektive darüber, dass sie eben nicht stumm sind, auch wenn wir Menschen das oft denken. Giraffen machen sehr wohl Geräusche. Wir können sie bloss nicht wahrnehmen. Die Giraffengeräusche sind für unsere Ohren zu tief. Sie liegen im unteren Frequenzbereich. Denn Töne unter 20 Hertz erzeugen im menschlichen Ohr zu wenig Druck, um das Trommelfell in Schwingung zu bringen. Daher gibt es keine Meldung in unser Gehirn. Ergebnis: Wir hören diesen tiefen Ton nicht. Doch die Giraffen untereinander, die hören sich. Giraffen nehmen ihre Artgenossen über Kilometer hinweg wahr.

Plötzlich klingelt die Türglocke. Ich zucke zusammen. Auf Zehenspitzen schleiche ich zurück zum Eingang und mache auf. Da gucken mich drei riesige Augenpaare auf langen Hälsen an. Ach ja, ich hab vergessen zu erwähnen, dass Giraffen grosse Augen haben.