Warum ans eigene Sterben denken – wir leben ja!
Der Tod, diese ungeheure Sache, ist schliesslich weit weg für uns, die mitten im Leben stehen. Eine Wanderung an den Oeschinensee, Matthias Sempach im Sportpanorama, der Chef und seine Forderungen, Rösti und Pizza – all diese Dinge füllen unseren Alltag. Da bleibt keine Zeit, ans Sterben zu denken. Zu Recht. Nur: Was passiert, wenn der Tod plötzlich im eigenen Alltag einmarschiert?

Als meine Schwester Kerstin vor vier Jahren gestorben ist, stand ich selber mitten im Leben. Ich unterrichtete Mathematik an diesem Tag, erklärte den Schülern was eine Minusrechnung ist. Da kam meine Praktikumslehrperson zu uns in den Kreis und flüsterte mir ins Ohr: „Deine Mutter ist am Telefon“.
Ich wusste, was das hiess. Meine Mutter hätte mich nicht aus dem Abschlusspraktikum meiner Ausbildung an der pädagogischen Hochschule geholt, wenn es kein Notfall gewesen wäre.
Kerstin starb an diesem Tag – mit 20 Jahren an Cystischer Fibrose.

Cystische Fibrose ist die häufigste Erbkrankheit in der Schweiz mit etwa 1000 Betroffenen. Heute liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei 37 Jahren. Eine Lungentransplantation kann diese jedoch um 10 bis 15 Jahre erhöhen.
Kerstin hat rund ein Jahr auf eine neue Lunge gewartet, für eine Transplantation hat die Zeit nicht mehr gereicht.

Ich habe mich mit anderen Leuten ausgetauscht, die das Gleiche erlebt haben wie ich: Ihr Geschwister ist im jungen Alter gestorben, weil ein passendes Organ fehlte.

Die Organe in der Schweiz sind rar. Das zeigen eine Grafik vom Bundesamt für Gesundheit und folgende Grafiken von der Stiftung Swisstransplant.

Warum gibt es zu wenig Organe?
In der Schweiz machen sich viele Menschen über eine Organspende wenig Gedanken. Im Todesfall entscheiden deshalb zu 95% die Angehörigen über eine Organentnahme der Verstorbenen. Nur in 5% der Fälle entscheiden die Betroffenen selber mittels Spenderkarte, was mit ihren Organen passiert sagt Franz Immer von der Stiftung Swisstransplant. Ein weiterer Grund sei die seltene medizinische Voraussetzung, die ein Patient erfüllen muss, um spenden zu können.

Im Schweizer Gesetz gilt die sogenannte erweiterte Zustimmungslösung. Das heisst, jeder Mensch muss sich zu Lebzeiten aktiv für oder gegen eine Organspende entscheiden. Wenn er dies nicht tut, entscheiden die Angehörigen im Todesfall. Eine Willensäusserung zu Lebzeiten erleichtert den Angehörigen eine Entscheidung sagt Franz Immer.
In anderen Ländern gelten andere Gesetze. Dies führe aber nicht automatisch zu mehr Spendern.

Hier eine Übersicht über die Organspenderegelung in Europa.

Organe kann man bis ins hohe Alter spenden sagt Franz Immer. Es komme auf den Zustand der Organe an, ob sie verwendet werden können. Und auch Menschen, die selber transplantiert sind, können je nach Gesundheitszustand spenden.

Es gibt auch Menschen, die mehrmals transplantiert werden müssen erklärt Franz Immer.

Damit sich mehr Menschen in unserem Land über eine Organspende Gedanken machen und eine Spendekarte ausfüllen, braucht es Sensibilisierungsarbeit auf verschiedenen Seiten ist Franz Immer der Meinung. Aufklärung sei wichtig und die beginne im Kleinen. Lehrerinnen und Lehrer können das Thema zum Beispiel mit den Schulkindern behandeln. Es gibt Unterrichtsmaterial dazu.